Gesunderhaltung im Alter

© Dr. Gabriele Becker, Dipl.-Gerontologin an der Universität Heidelberg
© Dr. Gabriele Becker, Dipl.-Gerontologin an der Universität Heidelberg

EXPERTENFORUM

Experten-Interview zum Thema mit Dr. med. Gabriele Becker, Dipl.-Gerontologin am Institut für Gerontologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg

Wie hoch ist unter den derzeitigen Bedingungen die durchschnittliche Lebenserwartung?

 

Dr. med. Gabriele Becker: Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt beträgt nach den Zahlen von 2010 für Männer ca. 78 Jahre, für Frauen ca. 82 Jahre. Die Ursache für den Anstieg der Lebenserwartung lag bis Mitte der 60er Jahre in einer erfolgreichen Bekämpfung der Kindersterblichkeit bzw. von Infektionskrankheiten. Danach sorgte vor allem der Zugewinn an Jahren bei den höheren Altersgruppen über 60 Jahren für einen stetigen Anstieg der Lebenserwartung. Hauptgrund ist hier der Rückgang der Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Einen hohen Zugewinn findet man besonders unter Hochaltrigen (80+). Wurde bereits ein Alter von 80 Jahren erreicht, beträgt die fernere Lebenserwartung in den westlichen Ländern bei Männern bis zu 8½ Jahre, bei Frauen bis zu 11 Jahre. Hier schneidet Deutschland vergleichsweise schlecht ab: Als Ursache werden weniger positive Entwicklungen in Prävention und Gesundheitsversorgung hierzulande als in erfolgreicheren Ländern wie Japan, USA und Frankreich diskutiert.

 

Warum haben Frauen eine höhere Lebenserwartung als Männer?

 

Dr. med. Gabriele Becker: Dies hat seine Ursachen sowohl in biologischen als auch in psychosozialen Gründen. Frauen haben ein geringeres Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Infektionskrankheiten zu sterben. Hier spielt der Schutz durch das Östrogen eine wichtige Rolle, zumindest bis zur Menopause. Das zweite x-Chromosom scheint ein genetischer Vorteil zu sein. Frauen sind bei der Gesundheitsvorsorge gewissenhafter. Bei Männern führt ein riskanterer Lebensstil zu einer höheren Sterblichkeit. Der Gebrauch von Alkohol, Nikotin und anderen Suchtmitteln ist höher, es gibt bei Männern ein höheres Risiko tödlicher Unfälle. In den letzten Jahren konnte eine Annäherung der Lebenserwartung von Frauen und Männern beobachtet werden. Frauen gefährden ihr bislang geringeres Risiko durch einen erhöhten Tabakkonsum und die damit verbundene steigende Sterblichkeit an Lungenerkrankungen.

 

Mit welchen körperlichen Beeinträchtigungen müssen wir im Alter rechnen?

 

Dr. med. Gabriele Becker: Als Folge der steigenden Prävalenz chronisch degenerativer Erkrankungen steigt auch das Risiko funktioneller Beeinträchtigungen. Im Alter muss mit Einschränkungen in der Mobilität, sowohl inner- als auch außerhäuslich, gerechnet werden. Die Selbstversorgung kann betroffen sein, darunter fallen Körperpflege, Toilettengang, An- und Auskleiden. Sensorische Einschränkungen wie Schwerhörigkeit und Sehbehinderung sind im Alter sehr häufig. In den letzten Jahrzehnten ist das Eintrittsalter von körperlichen Einschränkungen oder von Pflegebedürftigkeit immer weiter angestiegen. Mit der höheren Lebenserwartung sind sowohl mehr behinderungsfreie Lebensjahre als auch mehr Jahre mit körperlichen Einschränkungen verbunden.

 

Gibt es Krankheiten, für die Frauen im Alter anfälliger sind als Männer?

 

Dr. med. Gabriele Becker: Bei Frauen über 65 Jahren wird eine höhere Multimorbidität als bei Männern beobachtet (16,4 % vs. 8,9 %). Frauen haben ein deutlich höheres Pflegerisiko als Männer, ihr Pflegebedarf wächst im Alter deutlich schneller als bei Männern. Vergleicht man die Todesursachenstatistik, wird deutlich, dass Frauen fast doppelt so häufig an Herzinsuffizienz versterben als Männer (7,9 % vs. 4,6 %). Unter den Diagnosen nach Krankenhausaufenthalt sind bei Frauen Erkrankungen des Muskuloskeletalsystems häufiger (insbesondere Schenkelhalsfrakturen und Arthrosen). Bei der Demenz ist das Erkrankungsrisiko höher als bei Männern. Dies ist vor allem auch eine Folge davon, dass Frauen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer und dabei chronisch degenerative Erkrankungen, die nicht unmittelbar letal sind, an Bedeutung gewinnen.

 

Gibt es Krankheiten, für die Männer im Alter anfälliger sind als Frauen?

 

Dr. med. Gabriele Becker: Während die chronische ischämische Herzkrankheit bei Männern und Frauen gleich häufige Todesursache ist (9,7 % vs. 9,5 %), versterben Männer deutlich häufiger an Herzinfarkten. Ca. 3½ mal so häufig als bei Frauen führt eine bösartige Neubildung der Bronchien und der Lunge bei Männern zum Tode (6,9 vs. 1,9 %), bei der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit ist der Anteil bei Männern gegenüber Frauen ebenfalls deutlich erhöht (4,1 % vs. 2,5 %).

 

Weshalb sind Infekte im hohen Alter gefährlicher?

 

Dr. med. Gabriele Becker: Infekte im hohen Alter, es handelt sich meist um Pneumonien, akute Formen chronischer Bronchitiden und Harnwegsinfekte, sind aus vielen Gründen gefährlicher als im mittleren Lebensalter. Die Infektionsanfälligkeit ist im Alter erhöht, da die Immunabwehr geringer wird. Die Diagnostik und das so wichtige schnelle therapeutische Eingreifen sind wegen atypischer Symptompräsentation erschwert. Infektionen sind im hohen Alter schwerer zu therapieren: Die Auswahl geeigneter Antibiotika ist eingegrenzt durch ein verändertes Keimspektrum (vermehrt auftretende multiresistente Keime) und durch die im Lauf des Lebens erworbenen Antibiotikaallergien. Die therapeutischen Möglichkeiten sind häufig eingeschränkt durch die alterstypische Multimedikation und Wechselwirkungen mit Dauertherapien. Infektionen verlaufen aber auch deshalb schwerer, weil die Kreislauf- und Stoffwechselsituation beim alten Menschen fragiler ist und der Organismus weniger gut in der Lage ist, Belastungen zu kompensieren.

 

Gibt es typische „Alterskrankheiten“?

 

Dr. med. Gabriele Becker: Die Krankheitssituation im Alter ist durch zwei Charakteristika gekennzeichnet: eine erhöhte Prävalenz chronisch degenerativer Erkrankungen und Multimorbidität, das Auftreten mehrerer Erkrankungen gleichzeitig. Die wichtigsten pathologischen Entwicklungen, durch die die Gesundheit des älteren Menschen geprägt wird, sind Arteriosklerose, Osteoporose und Arthrosen. Dazu kommen noch die mit dem Alter häufig verbundenen kognitiven Einschränkungen. Typische Krankheiten für ein höheres Alter sind deshalb Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, muskuloskeletale Erkrankungen und Demenz. Bei vielen dieser Erkrankungen steigt das Erkrankungsrisiko exponentiell mit dem Alter an.

 

Welche Vorsorgeuntersuchungen sind ab welchem Alter nötig?

 

Dr. med. Gabriele Becker: Die wichtigsten Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen sollten regelmäßig im Rahmen eines Gesundheitschecks durch den Arzt kontrolliert und gegebenenfalls therapiert werden: Blutdruck, Blutfette, Blutzucker, Körpergewicht. Der Gesundheitscheck sollte ab 35 Jahren mindestens alle zwei Jahre durchgeführt werden. Die Krebsfrüherkennung ist ein Angebot der Krankenkassen, das je nach Krebsart ab einem bestimmten Alter beansprucht werden kann. Bereits ab dem Alter von 20 Jahren wird beispielsweise Frauen die Krebsfrüherkennung von Gebärmutterhalskrebs empfohlen, ab 30 Jahren beginnt die Krebsfrüherkennung von Brustkrebs. Bei Männern sollte ab 45 Jahren die Krebsfrüherkennung von Prostatakrebs beginnen. Hautuntersuchungen sind ab 35 Jahren empfohlen, ab dem Alter von 50 Jahren sollte die Früherkennung von Darmkrebs regelmäßig erfolgen. Zahnmedizinische Vorsorgeuntersuchungen sind altersunabhängig zweimal im Jahr zu empfehlen. Auch die Impfprophylaxe gehört zur Gesundheitsvorsorge: Alle zehn Jahre Auffrischung gegen Diphtherie, Tetanus, neuerdings auch mit Keuchhusten-Impfstoff kombiniert. Personen ab 60 Jahren sollten jährlich die Grippeimpfung bekommen und eine Impfprophylaxe gegen Pneumokokken erhalten. Diese allgemeinen Empfehlungen müssen bei individuellen Gefährdungslagen entsprechend erweitert werden, zum Beispiel bei der familiären Häufung bestimmter Krebsarten oder speziellen beruflichen Expositionsrisiken.

 

Was kann ich selbst tun, um im Alter gesund und fit zu sein?

 

Dr. med. Gabriele Becker: Für die Erhaltung von Gesundheit und Fitness wird eine Kombination aus gesunder, mediterran orientierter Ernährung, Vermeidung von Übergewicht, regelmäßiger Bewegung, ausreichendem Schlaf, regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen und Gesundheitsprophylaxe, moderatem Alkoholgenuss, Rauchverzicht und dem Vermeiden oder der gezielten Bewältigung von Stress empfohlen. Geistige Fitness bewahrt man nicht nur durch kognitives Training. Zur Demenzprophylaxe gehört auch ausreichende und regelmäßige körperliche Bewegung, eine gute Ernährung (wichtig sind Polyphenole, zum Beispiel in Obst und Gemüse), regelmäßiger Koffeingenuss und außerdem die Pflege sozialer Kontakte, die Anregung und Wohlbefinden vermitteln. Natürlich gehört auch zur Erhaltung der Gesundheit im Alter, selbstverantwortlich auf die körperliche und seelische Gesundheit zu achten und die Möglichkeiten der gesundheitlichen Versorgung zu nutzen.

 

Quellenverweis: Das Experteninterview führte medicalpress.de.

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