Lebensmittelallergien auf dem Vormarsch

© Prof. Dr. med. Torsten Zuberbier, Berlin
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EXPERTENFORUM

Experteninterview mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Torsten Zuberbier, Geschäftsführender Direktor der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie und Sprecher des Allergie-Centrums-Charité, Berlin

Fast jeder dritte Deutsche leidet mindestens einmal in seinem Leben unter einer gesteigerten Reaktion seines Immunsystems. Unter Kindern und Jugendlichen sind etwa doppelt so viele von einer Lebensmittelallergie betroffen als unter den Erwachsenen. Woran liegt das?

Prof. Dr. Torsten Zuberbier: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass in der Europäischen Union ca. jeder dritte Bürger an einer Allergie allgemein leidet. Dies kann ein Heuschnupfen, allergisches Asthma, Neurodermitis oder auch eine Nahrungsmittelallergie sein.

Im Kindesalter treten häufig Nahrungsmittelallergien auf zum Beispiel Kuhmilch oder Hühnerei auf, vor allem wenn die Kinder an einer Neurodermitis leiden. Die jeweilige Kuhmilch- oder Hühnereiallergie verliert sich jedoch bei fast allen Kindern wieder, so dass sie im Erwachsenenalter kein Problem mehr darstellt.
 
Wie kann man eine Lebensmittelallergie von einer Nahrungsmittelunverträglichkeit unterscheiden?

Prof. Dr. Torsten Zuberbier: Lebensmittelunverträglichkeiten lassen sich in verschiedene Gruppen unterteilen. Zum einen gibt es „immunologische Nahrungsmittelallergien“. Hierbei geht es um echte Nahrungsmittelallergien, bei denen vom Immunsystem Antikörper (Immunglobulin E) gebildet werden. Diese kann man mit einem Haut- oder Bluttest nachweisen. Eine echte allergische Reaktion kann einen lebensbedrohlichen Zustand darstellen. Zum anderen gibt es „nicht-immunologische Nahrungsmittelintoleranzen“, wie zum Beispiel die Histaminunverträglichkeit, oder Zusatzstoffintoleranz. Hierbei bildet der Körper keine Allergieantikörper, Haut- und Bluttests sind also nicht verlässlich. Jedoch können bei den „nicht-immunologischen Nahrungsmittelintoleranzen“ ganz ähnliche Symptome wie bei einer echten allergischen Reaktion auftreten.

Des Weiteren gibt es die „Funktionsstörungen im Darmtrakt“, die zu den Nahrungsmittelunverträglichkeiten gehören. Hierzu zählen die Laktoseintoleranz, bei der das spaltende Enzym Laktase nicht oder nicht mehr ausreichend vom Körper gebildet wird, und auch die Fruktosemalabsorption, der eine Transportstörung im Darm zugrunde liegt. Bei diesen Funktionsstörungen kommt es in erster Linie zu Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfällen.  
 
Erst kürzlich konnte herausgestellt werden, dass bestimmte Mikroorganismen in der Lage sind, den Übergang von allergieauslösenden Stoffen ins Blut durch eine verringerte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut zu hemmen. Welche Chancen sehen Sie in diesem Forschungsergebnis?


Prof. Dr. Torsten Zuberbier: Die derzeitig einzige verlässliche Therapieoption der Nahrungsmittelallergie stellt der strikte Verzicht auf den Auslöser dar. Daher ist es auch so wichtig, den genauen Auslöser zu kennen, damit unnötig einschränkende Diäten vermieden werden können. Mit diesem Wissen stellt der genannte Therapieansatz natürlich eine sehr interessante Alternative dar. Jedoch gibt es zu diesem Thema noch sehr viele offene Fragen und einen hohen Forschungsbedarf, um allgemein gültige Empfehlungen geben zu können.

 

Quellenverweis: Das Experteninterview führte medicalpress.de

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