Depressionen: Anzeichen und auslösende Faktoren

© Prof. Dr. Rüdiger Höll, Parkklinik Heiligenfeld
© Prof. Dr. Rüdiger Höll, Parkklinik Heiligenfeld

EXPERTENFORUM

Fachinterview zum Thema mit Prof. Dr. Rüdiger Höll, Chefarzt der Parkklinik Heiligenfeld

Was sind typische Anzeichen für eine Depression?


Prof. Dr. Rüdiger Höll: Zunächst empfinden die Betroffenen eine gedrückte Stimmung. Sie werden zunehmend antriebsloser und die Unternehmungslust sinkt. Es können sich Schlafstörungen in Form von Einschlaf- und Durchschlafstörungen oder frühmorgendliches Erwachen einstellen. Leichtere Arten von Depressionen werden oft verkannt. Bei schwereren Fällen werden die Betroffenen apathisch, sehen keinen Ausweg mehr und entwickeln teilweise Suizidgedanken. Handelt es sich um die schwerste Art einer Depression, liegen die Betroffenen oft still im Bett und sind nicht fähig, sich zu bewegen.
 
Welche Faktoren spielen für die Auslösung einer Depression eine Rolle?


Prof. Dr. Rüdiger Höll: Eine Depression entsteht meistens aus der Lebensgeschichte heraus. In vielen Fällen liegt die Ursache in der frühen Kindheit. Lassen Sie mich das kurz an einem Beispiel erklären: Nehmen wir an, ein junges Mädchen wächst im Kreise seiner Familie auf. Es leidet unter Kinderlähmung, die soweit gut ausgeheilt ist, aber sie trotzdem einschränkt. Das Mädchen hat eine gesunde, hübsche Schwester und hat während der gesamten Kindheit das Gefühl, weniger wert zu sein als sie. Mit steigendem Alter vergisst sie diese Minderwertigkeitsgefühle, sie heiratet, bekommt Nachwuchs und ist erfolgreich im Beruf. Dann verlässt sie ihr Mann. Plötzlich bekommt sie wieder das Gefühl, nichts wert zu sein und wird depressiv.


Anhand dieses Beispiels wird deutlich, dass eine Depression häufig durch die Reaktivierung von Gefühlen, die man in einer früheren Lebensphase empfunden hat, entsteht. Man vergisst diese Minderwertigkeitsgefühle, bis sie durch eine andere einschneidende Situation wieder ausgelöst werden. Die Annahme, dass der Tod eines nahestehenden Menschen eine Depression auslöst, ist weit verbreitet. Jedoch ist Trauer eine normale Reaktion und darf nicht mit einer Depression gleich gesetzt und sofort mit Psychopharmaka behandelt werden. Es gibt aber auch Betroffene, bei denen die Depression von "innen" kommt. Die Symptome werden bei diesen Menschen ohne erkennbare Ursache durch Botenstoffe im Gehirn ausgelöst. Diese Art der Depression nennt man endogene Depression oder auch mature depressive disorder.
 
Die Annahme, dass eine Depression nicht heilbar ist, ist weit verbreitet. Ist das wahr?


Prof. Dr. Rüdiger Höll: Nein. Viele Formen von Depressionen sind heilbar. Es gibt auch chronische Formen, die aber trotzdem gut behandelt werden können. Allgemein kann man sagen, dass Patienten der stationären Psychotherapie, wie wir sie in der Fachklinik und in der Rosengarten Klinik Heiligenfeld anbieten, eine geringere Rückfallquote haben. Für die Betroffenen ist die Fähigkeit zur "Selbstreparatur" besonders wichtig. Sie müssen herausfinden, was diese Fähigkeit behindert und wie sie sie wieder zurückerlangen können. Betroffene, die sich lediglich mit Psychopharmaka behandeln lassen, haben ein deutlich höheres Risiko, erneut an Depressionen zu erkranken.
 
Gibt es ein pflanzliches Mittel gegen die Stimmungstiefs?


Prof. Dr. Rüdiger Höll: Ja, es gibt ein pflanzliches Präparat, das auf Johanniskraut basiert. Es ist bei der Behandlung von bis zu mittelschweren Depressionen zugelassen. Jedoch hat es die Nebenwirkung, dass die Konsumenten sonnenlichtempfindlich werden.
 
Ist es wahr, dass Schlafentzug vor Depressionen schützen kann?


Prof. Dr. Rüdiger Höll: Schlafentzug ist ein Behandlungsinstrument und kein Schutzinstrument. Wenn ein Patient unter Schlafstörungen leidet, kann eine Nacht mit Schlafentzug helfen. Es werden biochemische Vorgänge in Gang gesetzt, die eine Übermüdung hervorrufen.
 
Wie können Depressionen behandelt werden?


Prof. Dr. Rüdiger Höll: Leichte bis mittelschwere Depressionen können mit ambulanter Psychotherapie behandelt werden. Leidet man unter einer mittelschweren bis schweren Depression, sollte man sich stationär behandeln lassen. Hier bei uns in den Heiligenfeld Kliniken werden Patienten mit Depressionen nach einem ganzheitlichen Therapiekonzept behandelt. Das therapeutische Handeln bezieht alle Ebenen der Person mit ein: die erkrankte Seele, den Körper, die geistig-spirituelle Ebene, die sozialen Beziehungen und die berufliche Situation.

 

Indem die Patienten als ganze Personen wahrgenommen, ihr Erleben und ihre individuelle Lebenssituation gesehen werden, können ihre Bedürfnisse erkannt und ernst genommen werden. Zur störungsspezifischen Behandlung nehmen die Patienten einmal wöchentlich an einer speziellen Gruppe für depressive Störungen teil. In dieser Indikationsgruppe lernen sie viel über ihre depressive Erkrankung, deren Entstehung, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten. Werden Depressionen frühzeitig erkannt, können siebzig bis achtzig Prozent der Betroffenen erfolgreich behandelt werden.

 

Quellenverweis: Das Experteninterview führte medicalpress.de.

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